Gewaltfreie Kommunikation: Freiheit und Bedürfnisse

Ein Familienleben kann ganz schön herausfordernd sein! Erst recht, wenn wir Bedürfnisse (unsere eigenen und die unserer jungen Begleiter) ernst und wichtig nehmen, aber diese Wertschätzung als Kind selbst nicht erfahren haben. Eine Möglichkeit, trotzdem gut mit allen Familienmitgliedern (und auch anderen Menschen) umzugehen, bietet die Gewaltfreie Kommunikation (GFK; nach Rosenberg).

Hast du schon einmal davon gehört oder gelesen? Vielleicht selbst schon einen Kurs dazu gemacht oder Erfahrungen gesammelt? Ich habe dieses Thema im Studium gestreift und auch ein Buch dazu gekauft. Gekauft, nicht gelesen bzw. gleich wieder aufgehört damit. Denn die dort verwendete Sprache war überhaupt nicht meine. Die Ausdrucksweise war so weit weg von meinem Leben, dass ich es nicht umsetzen, verstehen oder überhaupt erst lesen konnte.

Umso mehr freue ich mich darüber, dass mir Luba Klein, EchtSein-Coachin und Trainerin in Gewaltfreier Kommunikation, ein Interview gegeben hat. Und was soll ich sagen: Ich bin total begeistert von ihrer Art! So kann ich GFK endlich verstehen! Sie ist einer bewussten und bedürfnisorientierten Elternschaft viel näher, als ich dachte! Doch lies gerne selbst:

 

Uns selbst annehmen, wie wir sind

Lucia: Hallo Luba! Ich freue mich riesig, dass du mir ein Interview gibst! Demnächst dürfen wir dich ja zum Thema „gewaltfreie Kommunikation“ bei unseren „Windelfrei-Treffen und mehr“ begrüßen und befragen. Magst du dich im Vorfeld schon kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du?

Luba Klein Gewaltfreie Kommunikation GFKLuba Klein: Ja, gerne! Ich bin Luba Klein – und in erster Linie bin ich ein Mensch; gerne und oft ein
authentischer Mensch, manchmal aber auch ein netter Mensch – ein Mensch mit Ecken und Kanten eben! 

Mein Weg hat mich zu der beruflichen Tätigkeit als EchtSein-Coach geführt. Dabei unterstütze ich Menschen auf ihrem Weg zu einem authentischeren, freieren und leichteren Leben und Miteinander. 

Seit 7 Jahren kenne ich die Gewaltfreie Kommunikation (GFK). Im Jahr 2013 habe ich meine Ausbildung zur GFK-Trainerin abgeschlosssen und biete seitdem Seminare, Übungsgruppen und Einzelberatungen auf GFK-Basis an. 

Mir liegen dabei die Angebote der Gewaltfreien Kommunikation in den Bereichen, die mit Kindern zu tun haben, sehr am Herzen. Ich biete regelmäßig Workshops für GFK mit Kindern an, z. B. Projekte zur Einführung der GFK im Kindergärten und an Schulen. 

Meine Überzeugung heute ist, dass es nicht darum geht, eine perfekte Mutter, ein perfekter Vater oder auch Erzieherin, Erzieher, Lehrerin, Lehrer usw. zu sein. Es geht meiner Meinung darum, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind, unserem vermeintlichen Unperfektsein mit Liebe zu begegnen. 

Meine Erfahrungen von mir selbst, aber auch von den Menschen, die ich begleite, ist, dass durch diese Annahme von uns selbst der Umgang mit Kindern viel leichter, liebevoller und vor allem lebendiger wird!

 

Von Schwierigkeiten zu starken Veränderungen

Wie bist du zur gewaltfreien Kommunikation (GFK) gekommen?

Vor sechs Jahren hatte ich eine Bekanntschaft mit einem Menschen, der GFK machte. Er war so oft ausgeglichen und hat sich nur selten aufgeregt. Das hat mich neugierig gemacht! Als ich ihn fragte, wie er in schwierigen Situationen so ruhig bleiben kann, hat er mir von GFK berichtet. Ich konnte es erst nicht glauben! Aber ich war interessiert herauszufinden, ob es wirklich klappen kann. 

Damals hatte ich einige Schwierigkeiten in der Kommunikation mit den Menschen – mit meinem Arbeitgeber und meinen Schwiegereltern. Manchmal verstand ich die Welt nicht mehr und wusste es einfach nicht zu lösen. 

Also habe ich an einem Einführungsseminar in einem Ökodorf (Sieben Linden) teilgenommen. Im Seminar gingen mir einige Lichter auf! Ich dachte nur „Ach so ist das?! Mensch, hätte ich das vorher so sehen können!“ 

Nach dem Seminar hat sich meine Beziehung zu meinem Mann und auch zu anderen Menschen in meiner Umgebung stark verändert. Vor allem konnte ich meinem dreijährigen Sohn ganz anders begegnen. Das war für mich Grund genug, weiter zu machen. Nun mache ich es seit sechs Jahren immer noch. 

 

Frei und offen sein für andere Lösungen

Was bedeutet GFK für dich im Alltag?

GFK bedeutet für mich Freiheit. 

Häufig habe ich einen Plan, wie etwas funktionieren soll – vor allem in der Beziehung. Allerdings kommt es ziemlich oft anders: die Menschen reagieren nicht, wie ich es mir wünsche, die Termine platzen, ich bin doch müder als ich dachte usw. 

Früher wäre ich ärgerlich und frustriert geworden, weil die Pläne nicht funktionieren. Heute, mit GFK, schaffe ich es oft, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, eine alternative Strategie zu finden. 

Seit ich weiß, dass es sehr viele Strategien geben kann, um ein Bedürfnis zu erfüllen, brauche ich mich nur darauf zu besinnen, dass es nur eine Strategie ist, die gerade nicht klappt. Dann fühle ich mich frei und offen für andere Lösungen. Vor allem kann ich dann auch wertschätzend auf ein „Nein“ des anderen reagieren. 

Wenn ich es schaffe zu sehen, was sich dahinter verbirgt, welche Bedürfnisse mein Gegenüber sich in diesem Moment zu erfüllen versucht, kann ich es auch gut nehmen, dass er oder sie gerade etwas anderes priorisiert. Vor allem wird unsere Beziehung durch diese Art des Verständnisses unabhängiger, aber auch tiefer und lebendiger.

 

Einfach nur hungrig und müde …

Schaffst du es immer, „gewaltfrei“ zu bleiben?

Natürlich nicht (lacht). Es ist mein Lebensziel, so etwas wie Erleuchtung. Leider gibt es oft Momente, in denen ich nicht gut auf mich aufpasse und zu müde bin oder einfach nur Hunger habe – da fällt es mir sehr schwer, einen ungetrübten Blick zu behalten. 

Dazu kommt noch, dass ich einige unbewusste Muster habe, die mir erst nach den Konflikten in der Reflexionsphase bewusst werden. Ich bin dankbar dafür, dass ich sie zumindest im Nachhinein sehen kann und deshalb in der Zukunft in ähnlicher Situation hoffentlich anders reagieren werde. 

Ich finde diese Phasen hinterher sehr wichtig. Wenn mir dann bewusst wird, was gerade passiert ist, versuche ich oft, es dem Gegenüber zu kommunizieren. Bei meinen Kindern und meinem Partner mache ich das fast immer. Ich finde das wichtig. Es ist dann keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung, auf was ich vorhin reagiert habe. Ein klares „Es tut mir Leid!“ und was wichtig für mich ist – „Du hattest damit nichts zu tun, es waren nur meine alten Muster“. 

Das finde ich gerade bei Kindern wichtig, da sie oft vieles auf sich beziehen und denken, sie hätten etwas falsch gemacht, wenn jemand genervt oder aufgeregt reagiert. Diese Verknüpfung versuche ich zu entkräften, weil es nicht wahr ist. Ich bin kein Buddha und ich denke nicht, dass es schlimm ist, menschlich zu sein. Aber ich denke, es liegt in unserer Verantwortung als Eltern, eigene Fehler einzugestehen und den  Kindern eine andere Art des Verhaltens zu zeigen.

 

Gewaltfreie Kommunikation und Windelfrei

In unserem ersten Telefonat hast du auch erzählt, dass du drei Kinder hast, die du windelfrei begleitet hast bzw. noch immer begleitest. Erzähle uns gerne von deinen Erfahrungen!

Mein Jüngster ist 9 Monate alt und seine Geschwister sind 7 und 9 Jahre alt. Alle habe ich windelfrei erzogen. Das fing mit meinem Ältesten an. Ich selbst komme aus der Ukraine und bin erst fünf Jahre vor der Geburt meines ersten Sohnes nach Deutschland gekommen. Die Unmengen an Wegwerf-Windeln haben mich sehr überrascht – bei uns waren sie damals noch relativ teuer, daher haben nur wenige diese in so einem Maße benutzt. Vor allem hat mich auch das Alter der Kinder erschreckt, die noch Windeln trugen. 

Ich habe in meiner Schwangerschaft viel recherchiert und bin auf das Buch „Es geht auch ohne Windeln“ (Anm.: von Ingrid Bauer) aufmerksam geworden. Als mein Kind geboren wurde, war für mich klar, dass es abgehalten wird und wir nur Stoffwindeln nutzen – damals habe ich allerdings Einwegwindeln benutzt, als ich zum Arzt und zu Besuch bei meinen Schwiegereltern war, da mir die Diskussionen zu anstrengend waren. 

Es war eine lustige Zeit. Wir haben oft gelacht, wenn es mal daneben ging, und haben uns immer unheimlich gefreut, wenn wir eine längere Zeit ohne „Zwischenfälle“ hatten. Beim Zweiten wussten wir schon Bescheid und es ging dann ganz leicht. Beide waren spätestens mit 1,5 Jahren trocken. Es kam von ihnen aus und war irgendwie organisch – ohne dass wir Anstrengungen dafür unternehmen mussten. 

Deshalb hatte ich meinen Kleinsten direkt am zweiten Tag – da konnte ich mich wieder gut bewegen – abgehalten und er hat sofort verstanden, worum es ging! Ich finde es sehr erleichternd, da er auch fast nie danach groß in die Windeln machte – er wollte immer abgehalten werden. Es ist schön zu sehen, wie klar solch ein kleines Würmchen seine Bedürfnisse wahrnimmt und wie sehr es darauf besteht, dass diese erfüllt werden!

 

Bedürfnisse als Grundlage

Windelfrei und gewaltfreie Kommunikation – gibt es da einen Zusammenhang?

Absolut! Es geht in GFK um Bedürfnisse. Das ist der zentrale Punkt. Es gibt bei uns und unseren Kindern so viele Bedürfnisse und aus denen heraus treffen wir Entscheidungen und machen das, was wir machen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich des Bedürfnisses bewusst zu werden, welches ich mir gerade versuche zu erfüllen. Dann kann ich auch einen passenden Weg finden, es zu tun. 

Beispielsweise ist es meiner Meinung nach nicht sehr zielführend, mein Kind um jeden Preis windelfrei zu begleiten. Ich kann mir auch vorstellen, dass es mal Momente gibt, wo ich mich dagegen entscheide. Wenn ich mir also bewusst mache, was genau mein Wert ist, kann ich schauen, wie ich das so gut wie möglich erfüllen kann. Dann kann ich etwas entspannter an die Sache heran gehen. 

Wenn wir wissen, worum es uns wirklich geht, können wir die optimale Lösung finden. 

Das war damals bei mir, als mir klar wurde, dass ich der Anstrengung der Diskussion mit meinen Schwiegereltern nicht gewachsen bin, da ich damals einfach keine Idee hatte, wie ich das friedlich lösen könnte. Frieden war mir aber wichtig. Also habe ich diese Lösung – bei den Schwiegereltern mit Windel – gut akzeptieren können.

Lucia: Janica und mir ist es auch sehr wichtig, genau das in unseren Workshops anzusprechen: „Mach es dir einfach“ und „mache es entspannt“. Wenn das gerade nicht möglich ist, z. B. wegen Hausumbau oder einer anderen stark angespannten Situation, dann raten wir eher zu einer selbstbestimmten Windelfrei-Pause. Denn mit dem zusätzlichen Stress hat der junge Mensch meist keine Lust, zu kommunizieren, und die Eltern setzt es dann zusätzlich unter Anspannung.

 

Die Verantwortung für Gefühle liegt bei uns

Hast du dich über GFK schon einmal geärgert?

Manchmal tatsächlich (lacht). Es ist doch so mit einem erweiterten Bewusstsein: es lässt sich eben nicht mehr schrumpfen. 

Seit ich GFK mache, weiß ich, dass es an mir liegt, die Verantwortung für meine eigenen Gefühle zu übernehmen. Das bedeutet, dass ich die Arbeit nicht mehr an meinen Partner (oder ein anderes Gegenüber) abschieben kann – von wegen „du musst dich ändern, damit es mir besser geht“. 

Ich weiß heute, dass ich, und nur ich, für meine Gefühle Verantwortung trage und deshalb auch für die Veränderungen selbst etwas tun muss. Es scheint mir manchmal im ersten Moment anstrengend zu sein. Allerdings geht es ein paar Minuten später wieder, da ich gleichzeitig Freiheit darin erkenne – meinen Partner zu verändern, grenzt an Unmöglichkeit! Mich selbst zu verändern dagegen geht zwar manchmal schwer, aber es geht! 

 

Die Schwierigkeiten mit Gewaltfreier Kommunikation

Wann findest du es besonders schwer, GFK zu leben bzw. wo sehen nach deiner Erfahrung Eltern die größte Herausforderung in der Umsetzung?

Es ist grundsätzlich schwer unsere Muster zu verändern. Bei eigenen Kindern, Partnern und unseren Eltern am schwierigsten. 

Unsere Kinder drücken Knöpfe in uns, von denen wir gar nicht wussten, dass es diese gibt. Je jünger die Kinder sind, wenn die Eltern mit GFK beginnen, umso einfacher wird es klappen, den Umgang mit Kindern einfühlend zu gestalten – es gibt ja noch keine festgefahrenen Muster. 

Schwierig ist es meiner Erfahrungen nach, wenn die Eltern selbst als Kind die einfühlende Kommunikation nicht erlebt haben, wenn sie streng erzogen wurden mit Strafen und Unverständnis. In solchen Fällen sperrt sich unser Unterbewusstsein davor, unserem Kind die Einfühlung und das Verständnis zu geben.

In solchen Situationen arbeite ich mit dem Elternteil/den Eltern, damit sie mit den Verletzungen aus eigener Kindheit in Frieden kommen. Erfahrungsgemäß können die Eltern danach mit Freude und Liebe dem Kind alles geben, was sie als Kind selbst vermisst haben.  

 

Wie sich Gewaltfreie Kommunikation anfühlt

Als letztes möchte ich noch von dir wissen: Warum sollten Eltern unbedingt zum „Windelfrei-Treffen und mehr“ mit dir kommen? Was erwartet sie? 🙂

Ich bin ein sehr praktischer Mensch und denke, dass es immer besser ist, etwas einmal selbst ausprobiert zu haben, als viel darüber zu lesen oder anders theoretisch zu erforschen. Daher biete ich den Eltern beim Treffen eine Gelegenheit, es selbst praktisch zu erfahren, wie es sich anfühlt, GFK zu sprechen. 

Gleichermaßen bekommen die Eltern einen Eindruck, wie es sich für ein Kind anfühlen kann, wenn es empathisch angesprochen wird und was es für eine Eltern-Kind-Beziehung bedeutet. Erleben und Spüren steht für mich im Mittelpunkt, damit die Menschen für sich später entscheiden können, ob sie damit weiter machen wollen, ob es für sie einen Mehrwert bringen kann.

 

Danke Luba, für dieses informative Interview! Du hast uns einen spannenden Einblick gegeben. Umso mehr freue ich mich auf das nächste Treffen mit dir und was ich dabei noch lernen kann!

 

Jetzt bist du an der Reihe: Hast du bereits einen Einblick und Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation? Wie erlebst du sie im Alltag? Oder bist du wie ich ein völliger Neuling auf diesem Gebiet?

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