Windelfrei – Darum geht’s!

(Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der es um die Beantwortung grundlegender Fragen zu Windelfrei geht. Viele Eltern stellen sich genau die gleichen Fragen, wenn sie das erste Mal von Windelfrei hören. Deshalb nutze ich hier die Gelegenheit, die Fragen von Sarah exemplarisch für viele Eltern zu beantworten.)

Hallo Sarah! Ich freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast, so viel zu deinem Verständnis von Windelfrei zu schreiben! Dabei hast du viele verschiedene Punkte angesprochen. Ich werde sie einzeln beantworten. Auch deshalb, damit nichts durcheinander gerät und zusammen in einen Topf geworfen wird, was nicht zusammen gehört. Und auch, wenn dir die Antwort gar nicht mehr wichtig sein sollte, weil du dir deine Meinung vielleicht schon gebildet hast, bin ich mir sicher, dass die Antworten für viele andere Eltern spannend sind.

Los geht’s!

 

„Und einem Kind immer und immer wieder ein Töpfchen unter die Nase zu halten oder es drauf zu setzen erinnert dann doch eher an antrainieren, als an das Bedürfnis des Kindes aufnehmen. Und das würde ich weder bei einem Neugeborenen, noch bei einem 3 jährigen machen. Denken Sie nicht, dass das Kind weitaus wichtigere „Bedürfnisse“ hat, als so früh trainiert zu werden? Für mich sticht dann doch irgendwie der Übereifer einiger Eltern durch, das Kind so schnell wie möglich trocken zu bekommen.“ (Sarah)

 

Windelfrei – Darum geht’s!

Es ist fundamental wichtig zu verstehen, worum es bei Windelfrei geht!

Das ist Windelfrei nicht:

  • Es geht nicht darum, dass das Kind früher trocken wird (angenehmer Nebeneffekt, aber nicht im Fokus!)
  • Es geht nicht darum, dass von Anfang an alle Geschäfte an von uns für passend erachteten Orten landen.
  • Es geht nicht darum, bloß keine Windel zu verwenden.
  • Es geht nicht darum, Geld zu sparen (angenehmer Nebeneffekt, aber nicht im Fokus!)
  • Es geht nicht darum, dass das Kind früher selbstständig wird (angenehmer Nebeneffekt, zumindest auf das Bescheidsagen von Geschäften bezogen, aber nicht im Fokus!)
  • Es geht nicht darum, mittels Windelfrei zu beweisen, dass du eine bessere Mutter/ein besserer Vater bist – das klappt nicht!

Die Windelfrei-Grundlage

Bei Windelfrei alias Ausscheidungsbedürfniskommunikation geht es um Folgendes:

  • Ich nehme wahr, dass mein Kind mal muss, und ich ermögliche ihr/ihm, sich außerhalb der Windel zu erleichtern.
  • Ich mache ein Angebot, das mein Kind annehmen oder ablehnen oder nach ihren/seinen Wünschen abändern kann.
  • Ich kommuniziere mit meinem Kind, neben seinen anderen Bedürfnissen, auch über sein Ausscheidungsbedürfnis.
    • Ja, ich spreche von Bedürfnis. Ausscheiden ist genauso ein fundamentales Bedürfnis wie z. B. Nahrungsaufnahme oder Schlafen. Aber selbstverständlich ist das Ausscheiden an einem oder mehreren bestimmten Orten (z. B. auf Töpfchen oder Toilette), also außerhalb der Windel, in der heutigen Zeit weit weniger wichtig, als es z. B. Körperkontakt ist.
    • Auf das Ausscheidungsbedürfnis zu achten und Geschäfte außerhalb der Windel zu ermöglichen, kann allerdings sehr entspannend wirken. Damit haben Eltern eine weitere Möglichkeit, auf das Weinen ihres Babys zu reagieren (Hunger? Gestillt. Müde? Hat gerade erst geschlafen. Körperkontakt/Nähe? Vorhanden. Windel? Gewechselt. Kalt/Warm? Gecheckt. … Ah, vielleicht musst du mal?). Außerdem gibt es immer wieder Babys, die ihre Geschäfte von Anfang an äußerst ungern in ihre Windel erledigen (z. B. hier). Auch dann ist es meist wohltuend für alle Beteiligten, auch noch das Ausscheidungsbeürfnis zu berücksichtigen und gezielt das Erleichtern außerhalb der Windel zu ermöglichen.
  • Ich ermögliche meinem Kind, ihren/seinen ganzen Körper zu erfahren.
  • Windelfrei fühlt sich für mich stimmig und richtig an. Es passt zu meiner Haltung dem Leben und meinem Kind gegenüber. Das ist der Hauptpunkt, weswegen du dich für Windelfrei entscheiden solltest – oder eben dagegen.

Für den Aspekt mit dem „Töpfchen unter die Nase halten“, siehe bitte auch den Artikel zur Konditionierung (kommt demnächst) und das Video dazu.

Windelfrei = jedes Geschäft im Töpfchen?

Vielleicht hast du bereits heraus gelesen, dass manchmal andere Bedürfnisse wichtiger sind und Windelfrei kein 100%-Ding ist? Genau diese Einstellung haben auch Windelfrei-Eltern (oder sollten sie zumindest nach meinem Verständnis und dem Verständnis der „Babys ohne Windeln“-Gründerinnen Nicola Schmidt und Julia Dibbern haben) 🙂

Windelfrei verläuft klassisch in unseren westlich geprägten Ländern in Phasen (siehe dazu auch demnächst in einen weiteren Antwort-Artikel mit vielen Windelfrei-Studienergebnissen). Das Töpfchen, die Toilette, das Abhalten ist immer nur ein Angebot. Und wenn ich merke, dass das Kind wichtigere Dinge zu tun hat, ist es auch wichtig, darauf einzugehen. Und das Töpfchen z. B. nur mehr in „Standardsituationen“ anzubieten.

Windelfrei darf Spaß machen – sowohl den Eltern als auch dem Kind. Macht es keinen Spaß mehr und wird es zum Stress, lieber aktiv nach Lösungen suchen!

Trotzdem möchte ich hier auch ergänzen: Wenn du Windelfrei bereits eine Weile praktiziert hast, es dann aber ganz gelassen hast, z. B. weil dein Kind eine Pause eingelegt hat. Dann kannst du entweder den sonst üblichen Weg gehen und warten, bis dein Kind von sich aus Bescheid sagt, dass es jetzt die Toilette benutzen möchte. Oder du ergreifst die Initiative und bietest das Töpfchen (zum selbst darauf setzen) oder einen Toilettensitz oder ähnliches wieder öfter an.

Die Entscheidung liegt bei dir und es ist beides OK, wenn es „offen“ und ohne Druck geschieht. Denn andersherum stellt sich die Frage: Woher soll dein Kind wissen, dass du das Töpfchen oder die Toilette als Geschäftsort für sie/ihn präferierst, wenn du es ihr/ihm nicht mitteilst? Die ersten Windelfrei-Monate sind dafür vielleicht schon zu lange her. Auch in so einer Situation kann ich dir ein Familiencoaching nur wärmstens empfehlen. Dabei klären sich meist ganz schnell viele Fragen und du hast wieder Klarheit.

Baby-Monitoring

Manchmal wird über Windelfrei auch behauptet, dass Eltern ihr Kind ständig überwachen würden und müssten. Dazu kann ich nur sagen: Bloß nicht! Probiere es gerne einmal aus, wenn du gerade nichts Besseres zu tun hast 😉 Und du wirst schnell merken, dass das ganze „in die Hose geht“.

Auch schon junge Babys möchten nicht unter ständiger Beobachtung stehen und erst recht nicht kontrolliert werden. Evolutionär tragen Babys umgekehrt das Programm in sich, dass sie uns beobachten und dabei lernen möchten. Also nein, auch Windelfrei-Eltern überwachen ihre Kinder nicht. Sie haben im besten Fall nur einfach eine Antenne mehr ausgebildet und ihre Intuition geschult 🙂 .

(Wenn dich dieses Thema weiter interessiert, dann schau mal zu „Continuum Concept“ oder in das dazugehörige Grundlagenbuch: Jean Liedloff – Auf der Suche nach dem verlorenen Glück*)

Was erwartest du von deinem Kind?

Im Großen und Ganzen hängt es auch damit zusammen, welche Erwartungen du als Mutter oder Vater an dein Kind und deine Elternrolle hast. Erwartest du, dass sich dein Baby viel alleine beschäftigt und einfach „brav“ in seinem Bettchen liegt? Oder ist dir bewusst, dass ein Kind viele Herausforderungen mit sich bringt, „Arbeit“ bedeutet und dein Leben evtl. sogar komplett verändern kann? Natürlich auch abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit des Kindes.

Wenn du zur Fraktion „braves Kind“ gehörst, wirst du dich wahrscheinlich nicht mit Windelfrei anfreunden können. Definitiv zu viel Arbeit (die damit verbundenen Tätigkeiten wirst du zumindest dann als Arbeit und Pflicht wahrnehmen).

Lässt du dich hingegen auf das Abenteuer Baby ein und bist bereit, dein Leben zu verändern (verändern zu lassen), hast du mit Windelfrei wahrscheinlich Freude und bemerkst, wie leicht es sich in den Alltag integrieren lässt und du fast schon automatisch reagierst 🙂

(Ohne Bewertung! Ist einfach Typsache.)

Meine Vision

Darüber hinaus wäre es doch wunderbar, wenn jeder Familie Windelfrei bekannt wäre und es auch bei uns völlig normal wäre, Kinder ab Geburt abzuhalten. Manchmal mehr, manchmal weniger. Manche Familien nur für das große Geschäft (große Geschäfte bis zum Hals kennen ganz viele Eltern – das zu vermeiden wäre ja für Eltern und auch für jedes Baby entspannter), manche nur morgens, manche nur Zuhause, manche nur beim Wickeln, manche fast immer.

Und egal, wofür sich eine Familie entscheidet: Es ist allen klar, dass das ihr persönlicher Weg ist. Und das wird akzeptiert. Genauso wie mit oder ohne Schnuller, Babybett oder Familienbett, Kinderwagen oder Tragen, Stillen oder Fläschchen, vorwärtsgerichteter Kindersitz oder Reboarder, füttern oder Fingerfood (baby-led weaning).

Es ist die individuelle Entscheidung dieser Familie. Sie hat ihre Gründe, sich für dieses oder jenes zu entscheiden. Klar können wir gegenseitig nachfragen, warum. Oder Informationen austauschen bei einem offenen Ohr oder einer Nachfrage. Doch es ist jederzeit allen bewusst, dass die Entscheidung dieser Familie so in Ordnung ist.

Ich habe Lust darauf und lebe das deshalb so. Bist du auch dabei?

 

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