Windelfrei in Vietnam: Wie konnte das passieren?

Als eine meiner Schwestern ankündigte, demnächst 3 Wochen in Vietnam zu verbringen, hatte ich nur eines im Kopf: Ich „beauftragte“ sie, für mich zu windelfrei zu recherchieren. Wie ist es tatsächlich dort? Wie sieht der Windelfrei-Alltag aus? Würde sie das Abhalten eines Babys beobachten und – noch besser – fotografieren können?

Ich war ganz aufgeregt! Bald würde ich mehr über eines der „typischen“ Windelfrei-Länder erfahren!

Der Hintergrund

Beim Aufarbeiten der Studien für die Babys ohne Windeln-Woche und die Hebammen-Fortbildung waren auch einige Studien aus Vietnam dabei. (Dieser Praxistipp ist an eine dieser Studien angelehnt.)

In einer deskriptiven Studie wurde sehr detailliert beschrieben, wie das Sauberwerden, eine Art von Windelfrei, im Land des Lächelns praktiziert wird.

Also freute ich mich auf viele Praxistipps! Vielleicht würde mir meine Schwester sogar ein Windelfrei-Kleidungsstück mitbringen können? (Von einer anderen Schwester habe ich bereits wundersüße original chinesische Splitpants! Bald kannst du eine davon gewinnen :-))

Hier der Bericht meiner Schwester (übrigens Ärztin):

Der Realitäts-Check

Heute habe ich einen Berg Windeln neben einem sehr armen Haus in den Bergen fotografiert. Hier weben sie noch ihre Stoffe selbst und die Schweine sind mittendrin in der Hütte.
Es ist wirklich traurig: Selbst hier haben die Windeln Einzug gehalten!

Nachgefragt

Unsere 24-jährige Touristenführerin fand das Thema heute sehr spannend als ich sie fragte, und sie hat viel erzählt.

Sie sagt, viele Kinder bekommen tatsächlich keine (Wegwerf-)Windeln angezogen. Es wird so eine Art Stoffwindel, wie bei uns früher, verwendet. Die Kinder werden dann einfach abgewaschen. Ganz viele laufen sowieso einfach untenrum nackt herum.

Vietnam Kinder ohne Windel

Besichtigung

Sie hat uns auch gleich zu sich nach Hause eingeladen und uns ihre 3-jährige Tochter und das Haus gezeigt.

Sie selbst hat gar keine Windeln benutzt, auch keine Stoffwindeln. Aber wenn’s kalt war, hat sie ihre Tochter ständig abwaschen müssen, so wie die Hosen auch.

Sobald die Kinder sprechen können, managen sie alles selbst.

Töpfchen? Fehlanzeige!

Wenige Familien verwenden Töpfe, man geht hier in den indigenen Stämmen in die Natur.

In der Stadt gibt’s manchmal welche, viele haben aber ansonsten noch die „Bodenstehklos“, das geht auch.

Frauensache!

Den Guide von gestern und vorgestern wollte ich nicht fragen, Männer wollen damit definitiv nichts zu tun haben!

Kommunikation? Mit einem Baby?

Die jungen Vietnamesen sind sich einig, dass entweder normale oder eine Art Stoffwindeln herhalten müssen. Sie haben keinen Tau wovon ich spreche, wenn ich nach Kommunikation oder ähnlichem frage. Das ist kein Thema für sie, auf die Zeichen oder den Rhythmus zu achten.

Vietnam WWW

Die anstrengenden alten Zeiten …

Gestern haben aber ältere Vietnamesen, pensionierte Frauen, erzählt, dass es früher sehr wohl zum Leben der Mütter dazu gehörte, auf die „Zeiten“ zu achten, also eine Stunde ca. nach dem Essen, beim Aufwachen etc.

Dabei hat man auch einen Signallaut benutzt wie „schhhhh“ oder ähnliches.

Aber die Frauen mussten sehr „fleißig“ sein und funktioniert hätte das auch nicht immer. Sie meinten, dass es sehr vom Kind abhing, ob dieses Vorgehen geklappt hat.

In der Stadt ließ man die Babies nicht so oft ohne Hose hinaus, da wurden Tücher verwendet, die man aber oft 20 x pro Tag waschen musste.

Mit drei Monaten wurde begonnen.

Es wirkte auch hier im Gespräch als ein etwas „vergessenes“ Wissen, als nichts Besonderes.

Lichtblick (ein paar Tage später)

Heute hatte ich ein Gespräch mit einem anderen Guide: gebildete Oberschicht und Alleinerzieher (extreme Seltenheit!) – ja, tatsächlich ein Mann!

Er sagt, viele trainieren ihre Babies von Anfang an, insofern, dass sie ihr Baby immer zur selben Zeit vorm Zubettgehen zum Pinkeln bringen und dazu auch ein Geräusch machen. Und dann z. B. um drei Uhr nachts, immer zur gleichen Zeit, das Baby aufwecken und wieder zum Pinkeln animieren. Dann morgens gleich nochmal. Untertags werden Windeln verwendet.

Wichtig dabei ist Regelmäßigkeit und ein ständiges Üben. Er selbst achtete auch auf Quengeln. Erst ab Zwei Jahren achtet man mehr auf die Kommunikation.

Sein Sohn hat trotzdem bis ca. 2,5 Jahre „normale“ Windeln verwendet.

Nachwort

Nach diesem Bericht bin ich enttäuscht (und dadurch der Realität näher). Ein Land, von dem ich sicher „wusste“, dass sie auf das Ausscheidungsbedürfnis ihrer kleinsten Mitmenschen achten, entpuppt sich ebenso als Windelliebhaber, wie unsere deutschsprachigen Länder.

Es ist zwar nur ein persönlicher Erfahrungsbericht, unsystematisch an verschiedenen Orten Vietnams bei verschiedenen Personen nachgefragt – und keine systematische Erhebung.

Dennoch zeichnet er ein klares Bild: (Eine Art von) Windelfrei ist, genau wie bei uns, eher die Ausnahme.

Und noch eine weitere Parallele gibt es zu unserer Gesellschaft: Auch bei uns wissen viele ältere Mütter über Zeiten und Rhythmus bescheid. Und Erzählungen darüber werden auch meist von dem Hinweis begleitet: „Das war schon viel Arbeit!“

Allerdings …

Ich bin mir sehr sicher, dass das damals wirklich viel Arbeit war!

Es gab weder Waschmaschine noch so moderne, praktische und schnelltrocknende Stoffwindeln oder gar abhaltefreundliche Backups und Kleidung!

Es gab lediglich einfache Stofftücher oder Bindewindeln.

Da haben wir es heute bedeutend leichter!

 

Was sind deine Gedanken dazu? Hast du eigene Erfahrungen mit Windelfrei in Vietnam?

2 thoughts on “Windelfrei in Vietnam: Wie konnte das passieren?

  1. Hallo Lucia,

    danke für den Bericht. Und so ein Zufall. Vor 2 Wochen erst habe ich per Email einen Kenian interviewt und ihn darüber ausgefragt, wie Kenia es mit den Windeln handhabt.

    Fazit: Ähnlich wie in Vietnam.

    Er selbst verwendet tagsüber Stoffwindeln mit Überhose, nachts Wegwerfwindeln. Manche Nachbarn sind so reich, dass sie auch Vollzeit-Wegwerfwindeln verwenden können.
    Mit ca. 1 Jahr fängt man mit dem trainieren an und setzt das Kind ab und an aufs Klo. Mit 18 Monaten sind die Kinder dort in etwa trocken.
    Nachbarn, die gar keine Windeln verwenden, werden eher beäugt und als ungebildet bezeichnet. Er berichtet, dass sie ihre Kinder aber auch überall hinpinkeln und hinhacken lassen: Stinkende Sofas, Häufchen vor dem Haus…

    Seine Frau trug gar keine Windeln, es wurden als Unterlage gefettete Felle benutzt. Aber das wird eher belächelt.

    Das Wissen über das frühzeitig Abhalten ist also auch so ziemlich verschwunden, zumindest in den Städten und größeren Dörfern.

    Liebe Grüße,
    Julia

    • Hallo Julia!

      Danke auch dir fürs Erzählen! Ist so spannend, wie es in anderen Kulturen gemacht wird, das „Sauberwerden“! Und bzgl. Windelfrei eher ernüchternd…

      Herzliche Grüße, auf viele weitere spannende Berichte! 🙂
      Lucia

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